R.I.P. Leonard Cohen

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Wie gespenstisch aktuell liest sich das:

„Ah, you loved me as a loser
But now you’re worried that I just might win
You know the ways you could have stopped me, but you didn’t have the discipline
How many nights I prayed for this, to let my work begin
First we take Manhattan, then we take Berlin.“

(Leonard Cohen, ✝ November 2016)

Langsam und schnell: Das Zweizeitigkeits-Prinzip

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Das Thema „Veränderung“ steht heute im Fokus der Aufmerksamkeit. Kaum eine Zeitdiagnose, die nicht auf zahlreiche große Transformationen verweist – seien sie ökonomisch, technologisch, sozial oder auch kulturell. Wo die Welt sich verändert, müssen sich auch Organisationen verändern und letztlich auch der einzelne Mensch, so wird daraus oft gefolgert. Doch der Blick auf Transformation allein ist zu kurz – zugleich sollten wir uns auch über Stabilität Gedanken machen.

Weder Veränderung noch Stabilität sind an sich gut oder schlecht. Es kommt immer darauf an, was sich verändert bzw. stabil ist und wer dies wie bewertet. In einer Zeit, in der viel Aufmerksamkeit auf Veränderung liegt besteht allerdings die Gefahr zu übersehen, dass Veränderung immer auch Stabilität braucht. Die „pure“ Veränderung würde dazu führen, dass wir im buchstäblichen Sinn die Welt nicht mehr verstehen und vollständig überfordert wären. Dies gilt im großen gesellschaftlichen Kontext ebenso wie im Kontext beispielsweise von Change Management Projekten in Organisationen oder auch den Selbstverbesserungsvorsätzen einzelner: Meine Neujahrsvorsätze werden umso wahrscheinlicher erfolgreich sein, je weniger ich mir vornehme mein Leben radikal und grundlegend umzukrempeln und je mehr es mir gelingt, das gewünschte Neue in bestehende Routinen und Rituale zu integrieren. Und auch in einem Unternehmen beginnen zwar viele Change Projekte regelrecht in einem „Alles ist möglich“-Machbarkeitswahn, werden dann aber schnell durch massiv unterschätzte Beharrungskräfte ausgebremst. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass solche Beharrungskräfte nicht einfach nur als destruktiver „Widerstand“ zu sehen sind, sondern häufig gesunde Reaktionen aus der Organisation sind, die vor einer nicht zu verkraftenden radikalen Veränderung schützen können. Etwas pathetisch ausgedrückt könnte man sagen, dass eine zu radikale Veränderung dem Menschen nicht gemäß ist.

Das „temporale Doppelleben“ des Menschen

Der Philosoph Odo Marquard war einer der wichtigsten Vertreter der skeptischen Schule. Sein überaus lesenswertes Werk zeichnet sich durch zahlreiche Texte eher kurzer Form aus, die häufig unterhaltsam zu lesen sind und immer wieder um Fragen von Veränderung und Stabilität kreisen. In seinem Aufsatz „Zeit und Endlichkeit“ von 1993 entwickelt er den Begriff des „temporalen Doppellebens“ des Menschen. Für mich lässt sich mit diesem Text unter anderem erklären, wieso so viele Change Management Projekte scheitern – eben, weil sie verkennen, dass es nicht um ein entweder/oder zwischen Stabilität und Transformation geht, sondern dass es beides braucht. Dies begründet Marquard aus meiner Sicht sehr eindrücklich ausgehend von der Sterblichkeit des Menschen in drei Schritten:

1. Der Zwang zur Schnelligkeit und zur Veränderung

„Unsere Zeit ist Frist, das Leben ist kurz. … Was wir – verändernd, verbessernd – an Neuem erreichen wollen, müssen wir schnell erreichen. Wir müssen es schneller erreichen als der schnelle Tod uns erreicht, sonst erreichen wir es gar nicht. So gilt: die Kürze unseres Lebens – also dass unsere Zeit endlich, dass sie Frist ist – zwingt uns Menschen zur Schnelligkeit.“1Odo Marquard

Diese Perspektive nimmt in der Regel das Change Management (auf Organisationsebene) ein, und auch die zahllosen Selbstoptimierungsprojekte von Zeitmanagement bis zu Fitnessprogrammen und Diäten setzen auf den menschlichen Impuls, die eigene Organisation, das eigene Team, das eigene Leben schnell, jetzt, sofort zu verändern, zu verbessern – und zwar möglichst gleich umfassend und Perfektion anstrebend. „Wenn wir es schon angehen, dann wollen wir es auch gleich richtig machen.“ Was mit Marquard dabei aus dem Blick gerät, ist die andere Seite des temporalen Doppellebens des Menschen:

2. Der Zwang zur Langsamkeit und zur Stabilität

„Unsere Zeit ist Frist, das Leben ist kurz; darum können wir nicht beliebig viel Neues erreichen, uns fehlt – ganz elementar – die Zeit dazu; denn unser Tod – wie lange er auch zögert – kommt einfach zu schnell für viele Innovationen. Das limitiert unsere Veränderungsfähigkeit – unsere Schnelligkeit – und bindet uns dadurch so fest an unsere Vergangenheit, also an das, was wir schon waren und sind, dass wir ihr nicht in beliebigem Umfang enteilen können. Weil wir – sozusagen – nicht beliebig schnell und nicht beliebig weit aus unserer Herkunftshaut hinaus können, bleiben wir trotz aller Schnelligkeit langsam, sodass gilt: die Kürze unseres Lebens – also dass unsere Zeit endlich, dass sie Frist ist – zwingt uns Menschen zur Langsamkeit.“2 Odo Marquard

Dies ist die andere Seite des temporalen Doppellebens des Menschen, die ich als „Zweizeitigkeits-Prinzip“ bezeichne, weil in dem Begriff das Wort „gleichzeitig“ mitschwingt, das hier so zentral ist: Es geht eben nicht darum, einen der beiden Modi zu bevorzugen. Weder ist Transformations-Euphorie gefragt noch reaktionärer Beharrungs-Starrsinn – vielmehr liegt die Herausforderung genau darin, die Spannung zwischen diesen beiden einerseits unvereinbaren und andererseits unvermeidlich verbundenen Zeitlichkeiten auszuhalten und im besten Fall produktiv werden zu lassen. Dies ist Marquards dritter und abschließender Gedankenschritt:

3. Die unvermeidliche Gleichzeitigkeit von Schnelligkeit und Langsamkeit

„Unsere Zeit ist Frist, das Leben ist kurz; dann haben wir nicht die Wahl, ob er schnell oder langsam leben wollen, sondern wir müssen – unvermeidlicher Weise – stets beides: schnelle Leben und langsam leben, Eiler und Zögerer sein. … Das gilt für die Zeit jedes Menschen, und es gilt ebenso für die moderne und gegenwärtige Zeit, die beides forciert: unsere Schnelligkeit und unsere Langsamkeit. Dadurch scheint sie uns zwar zu zerreißen; aber gerade das müssen wir aushalten. Wir müssen – auch und gerade in der modernen Welt – beides leben, unsere Schnelligkeit und unsere Langsamkeit, unsere Zukunftsbegierde und unsere Herkunftsbezogenheit, sonst leben wir unser Leben nur halb.“3Odo Marquard

Mit diesen Worten beschreibt Marquard aus meiner Sicht sehr treffend und auch bewegend eine der Kernherausforderung des Lebens in der Moderne. Wer diese Gedanken ernst nimmt, der wird eine skeptischere – man könnte auch sagen: demütigere – Haltung gegenüber manchen Veränderungsprojekten und großen Transformationsversprechen einnehmen. Und dabei womöglich die vermeintlich paradoxe Erfahrung machen, dass aus dieser Haltung Veränderung besser gelingen mag, als wenn man sie im Überschwang des Machbarkeitswahns angeht.

Die zwanzig40-Eröffnungs-Serie

Dieser Beitrag ist Teil einer vierteiligen Serie zum Auftakt des Blogs zwanzig40.de. Lesen Sie auch die anderen Beiträge:

  • zwanzig40 – Prolog zu einem Experiment
  • Das Ignoranz-Prinzip: Wir haben keine Ahnung, was die Zukunft bringt.
  • Das Performativitäs-Prinzip: Indem wir uns auf eine vermeintlich externe Zukunft vorbereiten, bringen wir sie hervor.
  • Die Marquardsche Zweizeitigkeits-Prinzip: Wir müssen in der Gegenwart eine Balance finden, aus Zukunft- und Vergangenheitssorientierung, aus Transformations- und Stabilitätsbestrebungen.
  • Die Paradoxie der Trendforschung

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    In seiner aktuellen Ausgabe befasst sich der Design-Podcast „99% invisible“ mit der Frage, wo Modetrends herkommen. Darin berichten die Autoren über zwei Trendforschungsagenturen, die nahezu alle Fashion Labels und viele andere Lifestyle-Unternehmen mit Prognosen zukünftiger Entwicklungen versorgen. Welche Farben werden beliebt sein? Was bedeutet es für die Mode, wenn künftig mehr und mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten? (Die Prognose: Die Jogginghose kommt zurück, in schickerer Form…) Welche Interessen hat die Generation nach der Generation Y? (Das Orakel sagt, die „GenZ“ werde sich verstärkt für Haute Couture und Luxusgüter interessieren. Ob Arbeitgeber sich irgendwann die Generation Y zurückwünschen?)

    Ein einträgliches Geschäft mit selbsterfüllenden Prophezeiungen

    Der Podcast liefert einige erhellende Einblicken in das Modegeschäft. Bemerkenswert aber wird er dadurch, dass er eine fundamentale Paradoxie der Trendforschung auf den Punkt bringt: Weiterlesen

    Zukunft wird gemacht

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    „Zukunft“ begegnet uns immer in der Gegenwart. Doch sie begegnet uns ins zwei Gestalten: Als etwas Externes, Zwar-Noch-Nicht-Realisiertes, das aber doch unverrückbar und unveränderlich auf uns zukommt – wie ein rollender Stein. Oder aber als etwas mit uns Verbundenes, an dessen Hervorbringung wir performativ beteiligt sind – wie an der kollaborativen Arbeit an einem Text oder Gemälde. Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung. Doch häufig unterschätzen wir unseren eigenen Einflussbereich.

    Was ist zunächst damit gemeint, „Zukunft“ begegne uns immer in der Gegenwart? Was womöglich zunächst verschroben klingt, ist doch eine alltägliche Erfahrung: wir können in der Gegenwart von der Zukunft sprechen, sie uns ausmalen, vor ihr Angst haben oder uns auf sie freuen. Erleben aber können wir sie nie. Wir erleben immer nur Gegenwart. Was wir heute erleben, mag die Zukunft sein, die wir uns gestern ausgemalt haben. Aber heute ist es die Gegenwart (und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich um Einiges von dem unterscheidet, was wir uns gestern als Zukunft vorgestellt haben). In Abwandlung des Kultur- und Medientheoretikers Siegfried J. Schmidt ließe sich zuspitzen:

    Wenn wir von der Zukunft sprechen, dann sprechen wir (hier und heute) von der Zukunft. Sonst ist von der Zukunft nicht die Rede.

    Oder noch einmal anders gesagt: es „gibt“ keine Zukunft, außer der, die konkrete Personen in einer konkreten Situation imaginieren, diskutieren usw. Nun können wir die Zukunft in der Gegenwart auf sehr unterschiedliche Weisen präsent werden lassen: Wir können optimistisch oder pessimistisch sein, ein sehr konkretes Bild entwerfen oder ein eher diffuses Gefühl mit ihr verbinden. Weiterlesen

    Wäschefalten, Lernen & die Zukunft der Arbeit

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    Planet Money von NPR gehört zu den Perlen der aktuellen Podcast-Renaissance. Die Folgen sind meist nicht länger als 15 bis 20 Minuten, unterhaltsam und erhellend. Es geht in einem weiten Sinn um Wirtschaft, aber keineswegs nur aus finanz-ökonomischer Perspektive.

    Schon vor über einem Jahr hat sich eine hörenswerte Serie von Sendungen mit der Zukunft der Arbeit befasst. Den Auftakt bildete eine Sendung, in der in drei verschiedenen Szenarien Menschen gegen Roboter antreten mussten – unter anderem im Falten von Handtüchern aus einem Wäschekorb. Ein Team um Pieter Abbeel von der University of California, Berkeley hat Jahre gebraucht, um einem Roboter das Handtuch-Falten beizubringen. Dann konnte er es. Und brauchte 20 Minuten – pro Handtuch. (Heute braucht er immer noch rund 1,5 Minuten.)

    Im Interview mit Planet Money stellt Abbeel eine bemerkenswerte Diagnose: Weiterlesen

    Das Ignoranz-Prinzip: Zukunfts-Ahnungslosigkeit

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    Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Schlimmer noch: wir verstehen ja nicht einmal die Gegenwart. Diese Erkenntnis mahnt zu Demut, was Prognosen angeht. Und sie ist zugleich eine Einladung zum neugierigen Ausprobieren.

    Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Medienrevolution“ hören? An aussterbende Zeitungen? Die Omnipräsenz mobiler Medien? An die 728 Mails in Ihrer Inbox, die Sie längst mal in Ordner sortieren löschen wollten?

    Einigkeit herrscht wohl nur darin, dass die digitale Medienkultur der Gegenwart eine ähnlich einschneidende Transformation darstellt wie vor rund 500 Jahren der Buchdruck. Doch wie sind die Veränderungen zu bewerten? Wo führen sie hin? Darüber lässt sich weniger leicht ein Konsens erzielen. Medien-Apokalyptiker wie Manfred Spitzer warnen vor „Digitaler Demenz“ (und ignorieren die feine Paradoxie, das sie sich anscheinend selbst immun wähnen gegen die Bedrohungen der Digitalität, während sie es sich zugleich behaglich in der Talkshow-Mediengesellschaft einrichten). Euphoriker auf der anderen Seite haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass mit dem Internet eine Demokratisierungswelle einhergehen werde, in der Informationen frei fließen (wobei diese Stimmen nach dem traurigen Ende des Arabischen Frühlings und angesichts der wachsenden Dominanz weniger Mega-Konzerte um Apple, Facebook, Google aktuell leiser geworden sind).

    Ahnungslosigkeit als historische Konstante

    Der Vergleich mit dem Buchdruck könnte hilfreich sein, um zu verstehen, wieso eine Einschätzung so schwer fällt. In diesem Zusammenhang stellt der große Medienphilosoph Vilém Flusser eine eindrucksvolle These auf. Weiterlesen