Langsam und schnell: Das Zweizeitigkeits-Prinzip

Kommentare 1
Allgemein

Das Thema „Veränderung“ steht heute im Fokus der Aufmerksamkeit. Kaum eine Zeitdiagnose, die nicht auf zahlreiche große Transformationen verweist – seien sie ökonomisch, technologisch, sozial oder auch kulturell. Wo die Welt sich verändert, müssen sich auch Organisationen verändern und letztlich auch der einzelne Mensch, so wird daraus oft gefolgert. Doch der Blick auf Transformation allein ist zu kurz – zugleich sollten wir uns auch über Stabilität Gedanken machen.

Weder Veränderung noch Stabilität sind an sich gut oder schlecht. Es kommt immer darauf an, was sich verändert bzw. stabil ist und wer dies wie bewertet. In einer Zeit, in der viel Aufmerksamkeit auf Veränderung liegt besteht allerdings die Gefahr zu übersehen, dass Veränderung immer auch Stabilität braucht. Die „pure“ Veränderung würde dazu führen, dass wir im buchstäblichen Sinn die Welt nicht mehr verstehen und vollständig überfordert wären. Dies gilt im großen gesellschaftlichen Kontext ebenso wie im Kontext beispielsweise von Change Management Projekten in Organisationen oder auch den Selbstverbesserungsvorsätzen einzelner: Meine Neujahrsvorsätze werden umso wahrscheinlicher erfolgreich sein, je weniger ich mir vornehme mein Leben radikal und grundlegend umzukrempeln und je mehr es mir gelingt, das gewünschte Neue in bestehende Routinen und Rituale zu integrieren. Und auch in einem Unternehmen beginnen zwar viele Change Projekte regelrecht in einem „Alles ist möglich“-Machbarkeitswahn, werden dann aber schnell durch massiv unterschätzte Beharrungskräfte ausgebremst. Dabei ist es wichtig zu sehen, dass solche Beharrungskräfte nicht einfach nur als destruktiver „Widerstand“ zu sehen sind, sondern häufig gesunde Reaktionen aus der Organisation sind, die vor einer nicht zu verkraftenden radikalen Veränderung schützen können. Etwas pathetisch ausgedrückt könnte man sagen, dass eine zu radikale Veränderung dem Menschen nicht gemäß ist.

Das „temporale Doppelleben“ des Menschen

Der Philosoph Odo Marquard war einer der wichtigsten Vertreter der skeptischen Schule. Sein überaus lesenswertes Werk zeichnet sich durch zahlreiche Texte eher kurzer Form aus, die häufig unterhaltsam zu lesen sind und immer wieder um Fragen von Veränderung und Stabilität kreisen. In seinem Aufsatz „Zeit und Endlichkeit“ von 1993 entwickelt er den Begriff des „temporalen Doppellebens“ des Menschen. Für mich lässt sich mit diesem Text unter anderem erklären, wieso so viele Change Management Projekte scheitern – eben, weil sie verkennen, dass es nicht um ein entweder/oder zwischen Stabilität und Transformation geht, sondern dass es beides braucht. Dies begründet Marquard aus meiner Sicht sehr eindrücklich ausgehend von der Sterblichkeit des Menschen in drei Schritten:

1. Der Zwang zur Schnelligkeit und zur Veränderung

„Unsere Zeit ist Frist, das Leben ist kurz. … Was wir – verändernd, verbessernd – an Neuem erreichen wollen, müssen wir schnell erreichen. Wir müssen es schneller erreichen als der schnelle Tod uns erreicht, sonst erreichen wir es gar nicht. So gilt: die Kürze unseres Lebens – also dass unsere Zeit endlich, dass sie Frist ist – zwingt uns Menschen zur Schnelligkeit.“1Odo Marquard

Diese Perspektive nimmt in der Regel das Change Management (auf Organisationsebene) ein, und auch die zahllosen Selbstoptimierungsprojekte von Zeitmanagement bis zu Fitnessprogrammen und Diäten setzen auf den menschlichen Impuls, die eigene Organisation, das eigene Team, das eigene Leben schnell, jetzt, sofort zu verändern, zu verbessern – und zwar möglichst gleich umfassend und Perfektion anstrebend. „Wenn wir es schon angehen, dann wollen wir es auch gleich richtig machen.“ Was mit Marquard dabei aus dem Blick gerät, ist die andere Seite des temporalen Doppellebens des Menschen:

2. Der Zwang zur Langsamkeit und zur Stabilität

„Unsere Zeit ist Frist, das Leben ist kurz; darum können wir nicht beliebig viel Neues erreichen, uns fehlt – ganz elementar – die Zeit dazu; denn unser Tod – wie lange er auch zögert – kommt einfach zu schnell für viele Innovationen. Das limitiert unsere Veränderungsfähigkeit – unsere Schnelligkeit – und bindet uns dadurch so fest an unsere Vergangenheit, also an das, was wir schon waren und sind, dass wir ihr nicht in beliebigem Umfang enteilen können. Weil wir – sozusagen – nicht beliebig schnell und nicht beliebig weit aus unserer Herkunftshaut hinaus können, bleiben wir trotz aller Schnelligkeit langsam, sodass gilt: die Kürze unseres Lebens – also dass unsere Zeit endlich, dass sie Frist ist – zwingt uns Menschen zur Langsamkeit.“2 Odo Marquard

Dies ist die andere Seite des temporalen Doppellebens des Menschen, die ich als „Zweizeitigkeits-Prinzip“ bezeichne, weil in dem Begriff das Wort „gleichzeitig“ mitschwingt, das hier so zentral ist: Es geht eben nicht darum, einen der beiden Modi zu bevorzugen. Weder ist Transformations-Euphorie gefragt noch reaktionärer Beharrungs-Starrsinn – vielmehr liegt die Herausforderung genau darin, die Spannung zwischen diesen beiden einerseits unvereinbaren und andererseits unvermeidlich verbundenen Zeitlichkeiten auszuhalten und im besten Fall produktiv werden zu lassen. Dies ist Marquards dritter und abschließender Gedankenschritt:

3. Die unvermeidliche Gleichzeitigkeit von Schnelligkeit und Langsamkeit

„Unsere Zeit ist Frist, das Leben ist kurz; dann haben wir nicht die Wahl, ob er schnell oder langsam leben wollen, sondern wir müssen – unvermeidlicher Weise – stets beides: schnelle Leben und langsam leben, Eiler und Zögerer sein. … Das gilt für die Zeit jedes Menschen, und es gilt ebenso für die moderne und gegenwärtige Zeit, die beides forciert: unsere Schnelligkeit und unsere Langsamkeit. Dadurch scheint sie uns zwar zu zerreißen; aber gerade das müssen wir aushalten. Wir müssen – auch und gerade in der modernen Welt – beides leben, unsere Schnelligkeit und unsere Langsamkeit, unsere Zukunftsbegierde und unsere Herkunftsbezogenheit, sonst leben wir unser Leben nur halb.“3Odo Marquard

Mit diesen Worten beschreibt Marquard aus meiner Sicht sehr treffend und auch bewegend eine der Kernherausforderung des Lebens in der Moderne. Wer diese Gedanken ernst nimmt, der wird eine skeptischere – man könnte auch sagen: demütigere – Haltung gegenüber manchen Veränderungsprojekten und großen Transformationsversprechen einnehmen. Und dabei womöglich die vermeintlich paradoxe Erfahrung machen, dass aus dieser Haltung Veränderung besser gelingen mag, als wenn man sie im Überschwang des Machbarkeitswahns angeht.

Die zwanzig40-Eröffnungs-Serie

Dieser Beitrag ist Teil einer vierteiligen Serie zum Auftakt des Blogs zwanzig40.de. Lesen Sie auch die anderen Beiträge:

  • zwanzig40 – Prolog zu einem Experiment
  • Das Ignoranz-Prinzip: Wir haben keine Ahnung, was die Zukunft bringt.
  • Das Performativitäs-Prinzip: Indem wir uns auf eine vermeintlich externe Zukunft vorbereiten, bringen wir sie hervor.
  • Die Marquardsche Zweizeitigkeits-Prinzip: Wir müssen in der Gegenwart eine Balance finden, aus Zukunft- und Vergangenheitssorientierung, aus Transformations- und Stabilitätsbestrebungen.
  • Fußnoten

    1. Marquard, Odo. 1994. Skepsis und Zustimmung. Stuttgart: Reclam, 49.
    2. Marquard, Odo. 1994. Skepsis und Zustimmung. Stuttgart: Reclam, 49.
    3. Marquard, Odo. 1994. Skepsis und Zustimmung. Stuttgart: Reclam, 49-50; meine Hervorhebung, MZ.

    1 Kommentare

    1. Pingback: twenty40 - Prolog zu einem Experiment

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.