Zukunft wird gemacht

Kommentare 3
Allgemein

„Zukunft“ begegnet uns immer in der Gegenwart. Doch sie begegnet uns ins zwei Gestalten: Als etwas Externes, Zwar-Noch-Nicht-Realisiertes, das aber doch unverrückbar und unveränderlich auf uns zukommt – wie ein rollender Stein. Oder aber als etwas mit uns Verbundenes, an dessen Hervorbringung wir performativ beteiligt sind – wie an der kollaborativen Arbeit an einem Text oder Gemälde. Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung. Doch häufig unterschätzen wir unseren eigenen Einflussbereich.

Was ist zunächst damit gemeint, „Zukunft“ begegne uns immer in der Gegenwart? Was womöglich zunächst verschroben klingt, ist doch eine alltägliche Erfahrung: wir können in der Gegenwart von der Zukunft sprechen, sie uns ausmalen, vor ihr Angst haben oder uns auf sie freuen. Erleben aber können wir sie nie. Wir erleben immer nur Gegenwart. Was wir heute erleben, mag die Zukunft sein, die wir uns gestern ausgemalt haben. Aber heute ist es die Gegenwart (und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich um Einiges von dem unterscheidet, was wir uns gestern als Zukunft vorgestellt haben). In Abwandlung des Kultur- und Medientheoretikers Siegfried J. Schmidt ließe sich zuspitzen:

Wenn wir von der Zukunft sprechen, dann sprechen wir (hier und heute) von der Zukunft. Sonst ist von der Zukunft nicht die Rede.

Oder noch einmal anders gesagt: es „gibt“ keine Zukunft, außer der, die konkrete Personen in einer konkreten Situation imaginieren, diskutieren usw. Nun können wir die Zukunft in der Gegenwart auf sehr unterschiedliche Weisen präsent werden lassen: Wir können optimistisch oder pessimistisch sein, ein sehr konkretes Bild entwerfen oder ein eher diffuses Gefühl mit ihr verbinden.

Eine zentrale Dimension unseres Bezugs auf Zukunft scheint mir in der Frage zu liegen, ob wir uns als Objekte oder Subjekte „der“ Zukunft verstehen. Genau dieser Unterschied ist gemeint, wenn oben zwischen Perspektiven auf Zukunft als etwas „Externem“ oder etwas mit uns „Verbundenem“ unterschieden wird.

Sind wir Subjekte oder Objekte der Zukunft?

Ich bin ein „Objekt“ der Zukunft, wenn ich davon ausgehe, dass sie entweder schon feststeht oder jedenfalls von mir persönlich nicht beeinflusst werden kann. Alles, was mir dann zu tun bleibt, ist mich entweder bestmöglich auf sie vorzubereiten (wenn ich denn glaube, sie zumindest antizipieren zu können), oder sie als etwas Schicksalhaftes in der Gegenwart so weit wie möglich zu ignorieren – nach dem entspannten Motto: „was kommt, das kommt“.

Als „Subjekt“ der Zukunft verstehe ich mich, wenn ich die Zukunft als von mir gestaltbar imaginiere, wenn ich davon ausgehe, dass ich sie mit meinen heutigen Handlungen beeinflussen kann. In dieser Sichtweise geht es nicht darum, sich auf „die“ Zukunft einzustellen, sondern sie (mit) zu gestalten.

Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung und schließen sich in manchen Situationen nicht einmal gegenseitig aus. Wenn ich über Altersvorsorge nachdenke, dann werde ich kaum realistisch annehmen können, dass ich als Einzelperson die demographische Entwicklung oder die politischen Entscheidungen zum Rentensystem bestimmen kann. Es liegt nahe, dieses Thema im Modus des „Objekts“ zukünftiger Entwicklungen wahrzunehmen. Zugleich muss daraus nicht zwingend folgen, dass ich keine Möglichkeit habe, meine eigene Lebenssituation im Alter zu beeinflussen: ich kann – basierend auf meinen Einschätzungen zur größeren Entwicklung – Rücklagen für das Alter bilden (oder dies unterlassen) und so meine eigene Situation mitgestalten.

Wir unterschätzen unseren Einfluss

Häufig überschätzen wir jedoch den Bereich, in dem wir uns als „Objekt“ verstehen und unterschätzen den Einfluss, den unser eigenes Handeln auf zukünftige Entwicklungen hat. Im Glauben, sich lediglich auf eine unvermeidliche Zukunft vorzubereiten, bringen wir eben diese Zukunft dann erst aktiv hervor.

So können selbst spekulative Prognosen den Charakter einer self-fulfilling-prophecy gewinnen: Wenn beispielsweise an der Börse ein einflussreicher Analyst einen Crash vorhersagt, so mag dies als streng rationale Analyse von Marktdaten präsentiert werden. Nicht zu unterschätzen ist jedoch der psychologische und performative Charakter einer solchen Prognose: Schenke ich dem Analysten Glauben, so ist es sinnvoll, meine Aktien zu verkaufen, bevor der Crash eingetreten ist. Doch folge nicht nur ich dieser Logik, sondern versuchen auf der Basis der Prognose viele ihre Depots zu leeren, dann produzieren die massenhaften Verkaufs-Order, denen keine Nachfrage gegenübersteht, gerade erst den Crash, dem sie zu entkommen hofften.

Ähnliche Effekte gibt es in fast jedem sozialen Kontext. Wenn beispielsweise einem neuen Büro-Kollegen der Ruf vorauseilt, er sei „schwierig“, dann mag ich vorab schon mit meinem Schicksal hadern: warum muss ausgerechnet ich mit so einer Person eng zusammenarbeiten müssen? Wie wird mein Alltag aussehen, wenn ich künftig das Büro mit „so jemanden“ teilen muss. Ich erlebe mich als „Objekt“ einer Entwicklung. Wenn ich dann dem neuen Kollegen mit genau dieser bereits vorauseilend-ablehnenden Haltung gegenüber trete, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass er mich wiederum als „schwierig“ erlebt. Und ich genau die Dissonanzen mit hervorbringe, die ich befürchtet habe – ohne meinen eigenen Beitrag zu erkennen.

Es ist daher sinnvoll, wenn wir uns in der Gegenwart immer wieder vor Augen führen, dass wir womöglich mehr Einfluss auf die Zukunft haben, als wir das im Alltag zunächst annehmen, und dass damit Prognosen nicht den Charakter von unabänderlichen Tatsachen haben. Ja, selbst die Geschichten, die wir von der Zukunft erzählen, sind Teil dieses performativen Zusammenhangs, wie das Beispiel des Analysten an der Börse illustriert.

Die zwanzig40-Eröffnungs-Serie

Dieser Beitrag ist Teil einer vierteiligen Serie zum Auftakt des Blogs zwanzig40.de. Lesen Sie auch die anderen Beiträge:

  • zwanzig40 – Prolog zu einem Experiment
  • Das Ignoranz-Prinzip: Wir haben keine Ahnung, was die Zukunft bringt.
  • Das Performativitäs-Prinzip: Indem wir uns auf eine vermeintlich externe Zukunft vorbereiten, bringen wir sie hervor.
  • Die Marquardsche Zweizeitigkeits-Prinzip: Wir müssen in der Gegenwart eine Balance finden, aus Zukunft- und Vergangenheitssorientierung, aus Transformations- und Stabilitätsbestrebungen.
  • 3 Kommentare

    1. Pingback: twenty40 - Prolog zu einem Experiment

    2. Pingback: Die Paradoxie der Trendforschung | zwanzig40

    3. Pingback: Langsam und schnell: Das Zweizeitigkeits-Prinzip | zwanzig40

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.