Das Ignoranz-Prinzip: Zukunfts-Ahnungslosigkeit

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Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Schlimmer noch: wir verstehen ja nicht einmal die Gegenwart. Diese Erkenntnis mahnt zu Demut, was Prognosen angeht. Und sie ist zugleich eine Einladung zum neugierigen Ausprobieren.

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Medienrevolution“ hören? An aussterbende Zeitungen? Die Omnipräsenz mobiler Medien? An die 728 Mails in Ihrer Inbox, die Sie längst mal in Ordner sortieren löschen wollten?

Einigkeit herrscht wohl nur darin, dass die digitale Medienkultur der Gegenwart eine ähnlich einschneidende Transformation darstellt wie vor rund 500 Jahren der Buchdruck. Doch wie sind die Veränderungen zu bewerten? Wo führen sie hin? Darüber lässt sich weniger leicht ein Konsens erzielen. Medien-Apokalyptiker wie Manfred Spitzer warnen vor „Digitaler Demenz“ (und ignorieren die feine Paradoxie, das sie sich anscheinend selbst immun wähnen gegen die Bedrohungen der Digitalität, während sie es sich zugleich behaglich in der Talkshow-Mediengesellschaft einrichten). Euphoriker auf der anderen Seite haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass mit dem Internet eine Demokratisierungswelle einhergehen werde, in der Informationen frei fließen (wobei diese Stimmen nach dem traurigen Ende des Arabischen Frühlings und angesichts der wachsenden Dominanz weniger Mega-Konzerte um Apple, Facebook, Google aktuell leiser geworden sind).

Ahnungslosigkeit als historische Konstante

Der Vergleich mit dem Buchdruck könnte hilfreich sein, um zu verstehen, wieso eine Einschätzung so schwer fällt. In diesem Zusammenhang stellt der große Medienphilosoph Vilém Flusser eine eindrucksvolle These auf.
In seinem Aufsatz „Die kodifizierte Welt“ entwickelt er eine Mediengeschichte von der Höhlenmalerei bis zu den „Techno-Bildern“ seiner Zeit. Der Text stammt von 1978 und Flusser hatte mit dem Begriff vor allem das Fernsehen im Sinn. Doch auch in unserer Zeit hat Flussers Diagnose Resonanz, wenn er feststellt:

Es hat Jahrhunderte nach der Erfindung der Schrift erfordert, bevor die Schreiber lernten, daß Schreiben erzählen bedeutet. (…) Es wird ebenso lange dauern, bevor wir die Virtualitäten von Techno-Codes erlernen: bevor wir lernen, was Fotografieren, Filmen, Videomachen oder (…) Programmieren bedeutet.
Flusser, Vilém. “Die Kodifizierte Welt.” In: Ders., Medienkultur. Frankfurt a.M., 2008. 28.

Jahrhunderte. Jahrhunderte! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. So irritierend die Diagnose (und ihre Implikationen) zunächst scheinen, so plausibel ist sie doch. Gerade diejenigen, die besonders lauten betonen, dass die Veränderungen der Gegenwart fundamental sind – nicht umsonst ist Disruption aktuell ein beliebtes Modewort der Digitalkultur –, müssen sich eine Frage gefallen lassen: Wenn wir aktuell wirklich neue Entwicklungen erleben, wie sollen wir sie dann mit unseren alten Begriffen, Konzepten, Modellen und Methoden überhaupt erfassen können?

Wenn etwas wirklich neu ist, wie sollen wir es dann verstehen können?

Auch wenn es nicht Jahrhunderte, sondern womöglich nur Jahrzehnte dauern mag, bevor wir die Veränderungen der Digitalkultur besser verstehen lernen – im Moment des Wandels selbst sind zunächst Tugenden gefragt, die so ziemlich das Gegenteil der dominanten Kommunikationskultur der Gegenwart darstellen.

Demut und Experimentierfreude

Einerseits sollten wir sehr viel vorsichtiger mit großen Prognosen sein. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass die Welterklärer – ob aus dem Apokalyptiker- oder dem Euphoriker-Lager – nicht mehr wissen, als wir, die wir staunend und stirnrunzelnd auf die Welt schauen. Je einseitiger die Diagnose, desto weniger wahrscheinlich ist, dass sie der Komplexität der Gegenwart gerecht wird, geschweige denn der Offenheit der Zukunft. Und wir sollten auch unseren eigenen Interpretationen misstrauen, Zurückhaltung und Demut im Urteil üben.

Doch es gibt noch eine zweite Konsequenz aus der Erkenntnis, dass wir die Veränderungen der Gegenwart nicht umfassend verstehen können: der Abschied von den festgelegten Deutungen und Diagnosen macht uns frei für einen neugierigen, offenen Blick. Wo die Möglichkeiten zur vollständigen Analyse begrenzt sind, feiert das Prinzip des Trial and Error ein fröhliches Fest: ausprobieren, experimentieren ist angesagt, Erfahrungen des Scheiterns und des Glück(en)s – kurz: echtes Lernen wie in Kindertagen. Weniger bewerten, mehr spielen – wäre das nicht ein lohnendes Experiment?

Aus der Geschichte lernen

Und schließlich muss das das Verstehen und das Experimentieren sich nicht ausschließen. Wer doch von der Analyse und vom Urteil nicht lassen mag (ich gehöre selbst dazu), der sollte weniger auf die selbsternannten Zeitdiagnostiker hören und mehr auf Historiker. Von ihnen lässt sich lernen, dass wir manche Entwicklung der Gegenwart durchaus sehr gut verstehen können – schlicht, weil sie gar nicht so neu ist, wie sie uns erscheinen mag: Das Gefühl der Beschleunigung der Zeit? Begleitet die Menschen seit mehr als 100 Jahren. Kulturpessimismus angesichts neuer Medien-Technologien? Gab es schon bei Platon, der die heute so nostalgisch gefeierte Schriftkultur im Phaidros-Dialog als Bedrohung des Gedächtnisses brandmarkt. Die Liste der historischen Kontinuitäten ließe sich noch lange fortsetzen.

Was also ist wirklich neu, was scheint nur so? Einige spannende Antworten liefert aktuell der Historiker Andreas Rödder in seinem Buch „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“. Darin findet sich auch eine lakonische Diagnose, die ähnlich zu Demut und Experimentierfreude anregt wie auch Vilém Flusser:

Der historischen Erfahrung nach wird die Zukunft in doppeltem Sinne anders sein: anders als die Gegenwart und anders als gedacht.Rödder, Andreas. 21.0: Eine Kurze Geschichte Der Gegenwart. München: 2015. S. 392.

Die zwanzig40-Eröffnungs-Serie

Dieser Beitrag ist Teil einer vierteiligen Serie zum Auftakt des Blogs zwanzig40.de. Lesen Sie auch die anderen Beiträge:

  • zwanzig40 – Prolog zu einem Experiment
  • Das Ignoranz-Prinzip: Wir haben keine Ahnung, was die Zukunft bringt.
  • Das Performativitäs-Prinzip: Indem wir uns auf eine vermeintlich externe Zukunft vorbereiten, bringen wir sie hervor.
  • Die Marquardsche Zweizeitigkeits-Prinzip: Wir müssen in der Gegenwart eine Balance finden, aus Zukunft- und Vergangenheitssorientierung, aus Transformations- und Stabilitätsbestrebungen.
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    1. Pingback: Zukunft wird gemacht | zwanzig40

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